Fax an Rechtsanwalt Armin Pikl (Zeugen Jehovas)
Können Sie Ihre Mandantschaft einmal fragen, warum meine Fragen nie beantwortet werden? Bei den jüngsten ging es darum, ob tatsächlich Zeugen Jehovas in der DDR von Mitgliedern der Neuapostolischen Kirche an die Stasi verraten worden sind.
27. Dezember 2008
Schlussgedanken eines Amtsträgers i. R. der Neuapostolischen Kirche (NAK)in einem öffentlichen Vortrag
Ich werbe leidenschaftlich dafür, ausgewählte Bücher des Alten Testamentes zu lesen und darüber zu reden, das Gesetz Mose zu kennen, um das Neue Testament zu verstehen, einzelne Passagen aus anderen Büchern zu lesen und z.B. darüber zu reden, warum zwei verschiedene Schöpfungsgeschichten in der Bibel stehen.
Aber ich plädiere genauso leidenschaftlich dafür, die Bücher und Inhalte des Alten Testamentes nicht zu missbrauchen, indem man sie in einzelne Puzzle-Teile zerlegt, indem man sie eins zu eins in die Neuzeit umsetzt, indem man das Gottesbild und das Menschenbild des Alten Testamentes in die Neuzeit transportiert und Gläubige damit nicht in die Zukunft, sondern in die Vergangenheit führt.
Lehrgebäude darf man nicht auf Aussagen des Alten Testamentes aufbauen, wenn das Evangelium sie nicht stützt. Die Bücher des Alten Testamentes, auch die Apokryphen, sind über Jahrhunderte missbraucht und nicht durch die Brille des Evangeliums gelesen und gepredigt worden.
Welches Gottesbild lebe und predige ich, wenn es um Gebetserhörung, um opfern und spenden geht? Denke ich noch an den Gott, der straft, wenn ich sündige? Glaube ich an den Gott noch, der Segensfülle an Spendenhöhe knüpft? Gerade in evangelikalen Gemeinschaften, die in Nord- und Südamerika und Afrika großen Zulauf haben, wird oft nicht Evangelium, also Frohbotschaft, sondern das Gottesbild und Menschenbild des Altes Testament als Drohbotschaft gepredigt.
Ein vorletztes Wort: Auch nicht alles, was Jesus und die Apostel gelebt und gelehrt haben, hat heute noch Bestand für den Christen. Auch diese Männer lebten in einem vorgegebenen Kulturkreis mit Zwängen, aus denen man sich nicht plötzlich lösen kann. Ich erinnere an Aussagen zu Stellung der Frau, zu Ehescheidung, zu Ehelosigkeit usw. Sie werden aber verstehen, dass ich mich sorgfältig in der Öffentlichkeit zurückhalte, wenn es darum geht, die Gültigkeit solcher zeit- und kulturkreisgebundener Gebote des Neuen Testamentes zu bewerten.
Für die NAK ist das Aufgabe der Apostel. Meine persönliche Meinung spielt dabei nur für mich eine Rolle.
Zum Schluss lasse ich noch einmal Martin Luther zu Wort kommen. In der Vorrede zum Neuen Testament schreibt er: „Also sehen wir auch, dass Jesus nicht dringet,sondern freundlich locket und spricht: Selig sind die Armen etc. Und die Apostel brauchen die Worte ´Ich ermahne´, ´ich flehe´, ´ich bitte´ – dass man allenthalben sieht, dass das Evangelium nicht ein Gesetzbuch ist, sondern eigentlich eine Predigt von den Wohltaten Christi, uns erzeigt und gegeben, so wir glauben. Darum siehe nun drauf, dass du nicht aus Christo einen Moses machst noch aus dem Evangelium ein Gesetz oder Lehrbuch, wie es bisher geschehen ist.“
Vielen Dank und Gott mit Euch.
18. Oktober 2008
1933 in Lengerich: Skeptiker werden NAK-Mitglieder?
„Wir arbeiten unsere Geschichte auf“ hat sich angeblich auch der derzeitige internationale Kirchenpräsident Wilhelm Leber als geistliches Oberhaupt der seit 1896 existierenden Neuapostolischen Kirche (NAK) vorgenommen. Das wäre eine Menge Arbeit angesichts der Vergangenheit dieser Glaubensgemeinschaft, zu der Kaisertreue, Anbiederung bei den Hitlerfaschisten und bei der SED gehören.
Doch es scheint in dieser Glaubensgemeinschaft auch Amtsträger auf mittlerer Ebene zu geben, die auf Geschichtsbewusstsein verzichten wollen. Beispielsweise in Lengerich im Kreis Steinfurt. Dort feiert die neuapostolische Gemeinde ihr 75-jähriges Bestehen, die „Borkener Zeitung“ berichtet darüber und zitiert den Vorsteher dieser Gemeinde. Der weist erst einmal darauf hin, dass es 1929 nur noch ein Mitglied gegeben habe, doch im Herbst 1933 habe man neue Mitglieder gewonnen. Als Grund nennt er: „Unter anderem hatte eine große Skepsis gegenüber den politischen Umwälzungen jenes Jahres zu einer geistlichen Neuorientierung angeregt.“
Wahr ist vielmehr: Skeptiker konnten während des Hitlerfaschismus nicht Mitglied der Neuapostolischen Kirche werden. Verlangt wurden damals im Zweifelsfall vor der Aufnahme Unbedenklichkeitsbescheinigungen der Faschisten. Ende 1933 wies ein Schriftführer der Neuapostolischen Kirche die NSDAP darauf hin, dass schon während der Weimarer Republik mehr NAK-Mitglieder Hitler gewählt hätten als nach der Mitgliederzahl zu erwarten gewesen sei. Die Mehrheit der damaligen obersten Kirchenfunktionäre war NSDAP-Mitglied, Hitler wurde als der von „Gott gesandte Führer“ bezeichnet.
Klingt das nach einer Glaubensgemeinschaft, die im Herbst 1933 eine gewisse Anziehungskraft für Menschen hatte, die eine „große Skepsis gegenüber den politischen Umwälzungen“ hegten? Haben die etwa die Hakenkreuzfahnen übersehen, die vor den Kirchengebäuden im Wind flatterten? Oder meint dieser neuapostolische Gemeindevorsteher sogar: Die große Skepsis gegenüber der NSDAP ist mit der NAK-Mitgliedschaft verflogen?
Zum Artikel der "Borkener Zeitung"
Siehe auch

30. August 2008
Neuapostolische Kirche: Alle zerren an Hermann Niehaus herum
„Einmal stehe ich des Sonntagsmorgens im Winter am Fenster ehe ich nach Bielefeld fuhr. Da sehe ich im Garten einen gutgenährten Gaul stehen, er war aber scheckigt. Vor dem Gaul stand ein kräftiger Bursche der hatte ihn am Zaum. Dann stand auch ein kräftiger Bursche hinter dem Gaul. Wollte nun der Gaul zurück, dann bekam er einen Hieb von hinten, wollte er nach vorne bekam er einen Hieb auf den Kopf und bäumte sich.“
So hat sich der zweite NAK-Kirchenpräsident Hermann Niehaus nach eigenem Bekunden in den Jahren 1872 bis 1894 gefühlt. Er eilte von Brandherd zu Brandherd, hatte Probleme mit der deutschen Sprache und wurde deshalb belächelt und verspottet, höhere Amtsträger machten ihm Mut, indem sie darauf hinwiesen, dass die Gemeinde noch dümmer sei als er.
Die privaten Notizen von Hermann Niehaus sind eine spannende Lektüre, sie gewähren einen Einblick in die wirren Anfangsjahre einer Glaubensgemeinschaft, die sich später Neuapostolische Kirche nannte.
Hier veröffentlicht
17. Juni 2008
Neuapostolische Kirche: Geschichtsvortrag geht gründlich daneben
4. Dezember 2007: Aus der Weltzentrale der Neuapostolischen Kirche in Zürich wird via Satellit ein Vortrag des Vorsitzenden der kircheninternen Arbeitsgemeinschaft „Geschichte der Neuapostolischen Kirche“ in 1400 Gemeinden übertragen. Thema sind die Jahre 1938 bis 1955. Schon die Wahl dieses Zeitraumes wirkt merkwürdig, denn in jenen Jahren ist Johann Gottfried Bischoff Kirchenpräsident gewesen, dessen Amtszeit begann 1930 und endete 1960. In diesen 30 Jahren gab es viele Auseinandersetzungen, die zu mindestens 14 Abspaltungen führten. Zu der größten kam es 1955 im Rheinland. Mitglieder dieser Glaubensgemeinschaft hörten am 4. Dezember 2007 offenbar besonders aufmerksam zu, Entsetzen, Wut und Enttäuschung machten sich bei den geschichtlich Interessierten breit, allzu oft hatte der Vorsitzende des Arbeitskreises Tatsachen verschwiegen oder in ein falsches Licht gerückt.
Wie groß Entsetzen, Wut und Enttäuschung gewesen sind, lässt der seit Mai 2005 amtierende Kirchenpräsident Wilhelm Leber am 20. Mai 2008 in einem Beitrag für „Unsere Familie - Die Zeitschrift der Neuapostolischen Kirche“ durchschimmern. Er schreibt: „Nun ist das Ergebnis der Geschichtsaufarbeitung so ausgefallen, dass es im Hinblick auf eine Versöhnung nicht gerade förderlich erscheint. Es sei aber darauf hingewiesen, dass das präsentierte Geschichtsbild nicht endgültig ist. Wir sind zuversichtlich, eine Darstellung zu erreichen, die von allen Seiten Akzeptanz findet.“
Wenig hilfreich können dabei nach Auffassung von Wilhelm Leber Historiker sein, die nicht zur Neuapostolischen Kirche gehören, denn: „Eine Aufarbeitung durch eine externe Stelle wäre sehr zeitaufwändig. Auch ein solcher Historiker wäre auf die ihm zur Verfügung gestellten Informationen angewiesen, zusätzlich aber auch darauf, dass ihm kirchliche Strukturen und sogar bestimmte sprachliche Eigentümlichkeiten erklärt werden.“ Gleichwohl werde die Neuapostolische Kirche für „ausgewiesene Historiker“ die Archive öffnen.
Dort würden Geschichtswissenschaftler auch das 1938 überarbeitete Buch „Fragen und Antworten über den neuapostolischen Glauben“ finden. Im Vorwort schreibt Johann Gottfried Bischoff: „Den neuapostolischen Gemeindegliedern empfehle ich, den Inhalt dieses Buches zum Gegenstand von Besprechungen innerhalb der Familie zu machen. Tauchen dabei Fragen auf, die nicht ohne weiteres geklärt werden können, dann sind sie zu notieren und den Amtsträgern bei ihrem nächsten Besuch in der Familie vorzulegen.“
Was aber haben die geantwortet, wenn sich jemand damals diese Antwort auf die Frage 172 notierte: „Die Aufnahme in die Neuapostolische Kirche wird abhängig gemacht von einer öffentlich abzulegenden Erklärung, daß der Aufzunehmende die neuapostolische Glaubenslehre anerkennt und sein Leben danach einrichten will. Der Aufzunehmende muß die neuapostolische Glaubenslehre eine genügend lange Zeit geprüft haben und aus innerster Überzeugung die Aufnahme wünschen. Dem Aufnahmegesuch kann nicht entsprochen werden, wenn der Aufzunehmende sich im Widerspruch zur Staatsführung befindet, die der Neuapostolischen Kirche die Ausübung ihrer seelsorgerlichen Tätigkeit gestattet.“
Mit einer Aufarbeitung dieses Kapitels ist der neuapostolische Kirchenpräsident Karl Kühnle aus Stuttgart am 16. Juni 1993 nicht einverstanden gewesen. Er schrieb mir seinerzeit: “Gleichwohl bedaure ich, dass auch Sie über ein Kapitel der Kirchengeschichte schreiben, das aus der zeitlichen Distanz heraus und ohne Berücksichtigung des geschichtlichen Umfelds sachlich nicht korrekt und objektiv zu beurteilen ist. Das Herausgreifen einzelner Aspekte und das Zitieren einzelner Aussagen von Personen, die nicht mehr gefragt werden können, weil sie zwischenzeitlich verstorben sind, kann nicht den Anspruch der umfassenden Wahrheit erheben.
Es steht außer aller Zweifel, dass die Neuapostolische Kirche die Machenschaften des Nazi-Regimes missbilligt und zutiefst bedauert. Daß die damaligen verantwortlichen Männer unserer Kirche durch ihre Entscheidungen und Vorgehensweise den Primärauftrag, nämlich die Verkündigung des Evangeliums und die Seelenpflege, in dieser schlimmen Zeit erfüllen konnten, nötigt mir heute noch Respekt ab.“
Zurück zum Beitrag von Wilhelm Leber. Er wird mit einigen Bildern aufgelockert. Eines dieser Fotos zeigt Lebers Vorgänger Richard Fehr bei einem DDR-Besuch im Jahre 1988.
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- Buch über die Bischoff-Zeit
18. Juni 2008
Kritiker im Irrenhaus oder Gefängnis
“Was soll das? Warum wird überhaupt ein Geschichtsthema behandelt?” Diese Fragen hat der derzeitige Kirchenpräsident Wilhelm Leber am 20. Mai 2008 in der Zeitschrift “Unsere Familie - Die Zeitschrift der Neuapostolischen Kirche” gestellt. Seine Antwort: “Dazu ist zu sagen, unsere Geschichte ist Teil unserer Identität. Wir können Sie nicht einfach außer Acht lassen… Würden wir die Geschichte ignorieren, wären wir sehr leicht angreifbar. Jeder plötzliche Hinweis auf Geschehnisse der Vergangenheit könnte zu Irritation und Enttäuschung führen. Das Wissen um die Vergangenheit gibt eine sichere Grundlage.”
Das ist eine merkwürdige Begründung, denn so genannte “plötzliche Hinweise auf Geschehnisse der Vergangenheit” sind gar nicht möglich, dazu ist die Literatur über die Neuapostolische Kirche viel zu umfangreich. Man hat sie einfach ins Reich der Lüge, der Verdrehung und Verleumdung verbannt.
Ich weiß, wovon ich schreibe, schließlich haben im Laufe der Jahre mehrere Gebietskirchen der Neuapostolischen Kirche wegen meiner Bücher gegen mich Strafantrag gestellt, am 7. März 1995 warfen mir die Kirchenpräsidenten Hermann Magney und Horst Ehlebracht in sechs Strafanträgen Volksverhetzung, Beleidigung und ähnlich Schlimmes vor. Ein Frankfurter Anwalt schrieb sogar: “Tjaden erweckt den Eindruck, dass die Neuapostolische Kirche ihre Mitglieder so behandelt, wie Hitler die Juden behandelt hat.”
Dagegen protestierte ich beim damaligen Kirchenpräsidenten Richard Fehr, der mir allerdings nicht persönlich antwortete, sondern eine Kanzlei aus Zürich einschaltete, die mir auf einem Briefbogen mit den Namen von 39 Anwälten am 31. Oktober 1995 entgegnete, man habe mein Schreiben zu den Akten gelegt. Die Staatsanwaltschaft hatte bereits am 28. August 1995 das Verfahren gegen mich “mangels die Anklageerhebung rechtfertigenden Tatverdachts” eingestellt.
Hättest du doch geschwiegen
Anfang des 20. Jahrhunderts dagegen mag es noch “plötzliche Hinweise” gegeben haben. Als sich die beiden evangelischen Pfarrer Kretzer-Strach 1902 in Wittenberg und Handtmann 1903 in Gütersloh auf den Buchmarkt gewagt haben, reagierte der zweite Kirchenpräsident der Neuapostolischen Kirche Hermann Niehaus mit der Schrift “Si tacuisses! (Wenn du doch geschwiegen hättest!)”.
Zu Beginn schrieb er: “Uns kann es für gewöhnlich gleichgültig sein, was gegnerische Geistliche oder die wissenschaftliche Theologie über uns schreiben oder denken, in dem Bewußtsein, dass die Weisheit dieser Welt Gottes Weisheit doch nicht erkennen kann, und Jesu Worten nach müssen wir auch die Erfahrung machen, dass kein Oberster noch Pharisäer an die geoffenbarten Gottestaten glaubt, vielmehr wie die Geschichte bezeugt, die Schriftgelehrten und Pharisäer die gestorbenen für heilig erklärt, aber die lebenden Knechte Gottes zu töten suchen, welches Los der Herr selbst hat teilen müssen.”
Treue Staatsbürger
Für seine Sache rief Hermann Niehaus damals auch die sächsische Regierung auf, diese Regierung nenne die Mitglieder der Neuapostolischen Kirche “strebsame, fleißige, stille und treue Staatsbürger”. Seine Schrift endete so: “Führen wir verderbliche Sekten ein und verleugnen wir den Herrn in seiner Wahrheit? - Das ist von uns nicht zu sagen, wohl aber von den Schriftgelehrten und Pharisäern einst und heute und bis in Ewigkeit!”
Die Auseinandersetzungen endeten nicht, deswegen erschien 1907 im Neuapostolischen Verlag eine Broschüre mit dem Titel “Lichtwaffen zur Abwehr protestantisch-pastoraler Schmähungen über die Neuapostolische Gemeinde”. Worum es dem Verfasser nicht ging, erläuterte er eingangs so: “Man erwarte auch nicht, dass ich mich den feindlichen Kritikern gegenüber zu einer Verteidigung unserer Religionsbräuche herbeilasse; ich weiß, dass Mohren niemals weiß gewaschen werden können, selbst dann nicht, wenn ein Mohr Pastor wird.”
Auch in dieser Schrift fehlte nicht der Hinweis, dass “die Neuapostolischen treue Staatsbürger, Patrioten und ernstgesinnte Christen” seien. Ehemalige Mitglieder bezeichnete der Autor als “Elemente”, deshalb gelte: “Wer prinzipielle Gegner vor sich hat, wie z. B. ausgeschlossene oder abgefallene ungläubige Glieder, abgesetzte Amtspersonen oder gar einen Pastor Schmidt, darf auf ein wahrheitsgetreues sachliches Urteil allerdings nicht rechnen.”
Das Urteil über die evangelische Kirche war nach seiner Auffassung allerdings längst gesprochen: “Wenn jemand vor dem Bankrott steht, dann fängt er vorher erst an, groß zu werden - mit dem Munde nämlich! Die Pastorenkirche kracht in allen Fugen…”
Patriotisch gesinnt
“In Wahrung berechtiger Interessen!” folgte “Si tacuisses” auch noch “Abwehr der königstreuen patriotisch gesinnten Neuapostolischen Gemeinde gegen feindliche Angriffe” und verhieß nichts Gutes: “Manche, die solche niedrige Schundschriften geschrieben, sind heute außer Stellung, manche ´Sekte-Schreier´ im Irrenhaus oder Gefängnis. Gott ist ein gerechter Richter!”
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19. Juni 2008
Drohbrief aus Kanada
“Liebe Sonja, ich stimme dir voll und ganz zu, dass hier über die neuapostolische Kirche nur Schwachsinn verbreitet wird”, kommentiert ein gewisser Jan am 19. Juni 2008 einen meiner Artikel über die Mormonen, die Zeugen Jehovas und die Neuapostolische Kirche.
Dazu ist mir sofort ein Kommentar eingefallen, den vor 100 Jahren ein neuapostolischer Autor in “Lichtwaffen zur Abwehr protestantisch-pastoraler Schmähungen über die neuapostolische Gemeinde” zu Papier gebracht hat: “…es ist mit dem Absud von allerlei Weiberklatsch und Tratsch zu vergleichen, was da zusammengetragen ist.”
Will man sich als Redakteur allerdings nicht auf “Weiberklatsch und Tratsch” verlassen, stellt man Fragen an alle Beteiligten. Das habe ich am 24. Juni 1993 versucht. Aus Kostengründen schickte ich abends ein Fax an den kanadischen Kirchenpräsidenten der Neuapostolischen Kirche Michael Kraus mit allen Vorwürfen, die gegen ihn erhoben wurden. Die Antwort bekam ich nur wenige Stunden später, sie stammte von einem Rechtsanwalt, der meinen Informanten ohne ausführliche Begründung für unglaubwürdig erklärte.
Volle Wucht der Justiz
Auf Seite 2 dieses Faxes kündigte dieser kanadische Anwalt an: “Ich muss Sie deshalb davor warnen, und das mit allem Nachdruck, dass wir die volle Wucht der deutschen Justiz nutzen werden, um eine Veröffentlichung dieser Lügen zu verhindern. Ich habe mit Rechtsanwälten in Hannover gesprochen und sie bevollmächtigt, gegen Sie mit einer Einstweiligen Verfügung und strafrechtlich vorzugehen.”
In diesem Fall hat die Neuapostolische Kirche ihre Ankündigung nicht wahr gemacht, dieses Buch erschien ohne anschließende juristische Auseinandersetzungen.
Zu den Bildern des Beitrages aus der Feder des gegenwärtigen Kirchenpräsidenten Wilhelm Leber in “Unsere Familie - Zeitschrift für die Neuapostolische Kirche” vom 20. Mai 2008 gehörten zwei Fotos, auf denen der dritte Kirchenpräsident Johann Gottfried Bischoff zu sehen war. Beide Male ist sein späterer Nachfolger Walter Schmidt mit abgelichtet. Das erste Bild ist so beschrieben: “Ordination von Bezirksapostel Walter Schmidt 1948.”
Wichtigere Ordination verschwiegen
In diesem Jahr fand aber eine viel wichtigere Ordination statt, die jedoch verschwiegen wird. Damals wurde der Kirchenpräsident Peter Kuhlen zum Nachfolger von Bischoff ernannt.
Johann Gottfried Bischoff hat in der Neuapostolischen Kirche stets eine hervorgehobene Rolle gespielt. Als er aus dem Ersten Weltkrieg zurück kehrte, sagte der Kirchenpräsident Hermann Niehaus laut “Neuapostolische Rundschau” vom 23. Juni 1918: “Es war zurzeit schwer, das zu begreifen, warum euer lieber Apostel ins Feld ziehen musste. Denn wir standen doch alle im bittenden Glauben: Ach, Herr, es ist so nötig, dass er hier bliebe. Ich hatte aber den Gedanken, dass er als Bundeslade dienen müsse unter dem Heerlager, denn in dieselbe ist doch der Wille Gottes gegeben.” Diese Bundeslade (also Johann Gottfried Bischoff) sollte damals dem Kaiser den Sieg über die Franzosen bringen. “Wehe, ihr Franzosen”, hieß es.
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20. Juni 2008
Auf der Seite von Kaiser und Hitler
„Der deutsche Kaiser wurde vor längerer Zeit als der Steuermann des deutschen Reiches illustriert und jedes deutsche Herz ist stolz auf diesen Steuermann, Kaiser Wilhelm II. Er hat sich bewährt als Steuermann des deutschen Reiches, diesen Ruhm müssen ihn alle seine Feinde zollen. Kaiser Wilhelm hat in seiner 20jährigen Regierungszeit mit den leitenden Staatsmännern das Schiff des deutschen Reiches durch viele Stürme und Klippen glücklich hindurchgeführt, darin ist er ein edles Vorbild allen Steuermännern“, hat am 27. Juli 1908 auf der Titelseite des „Neuapostolischen Sonntagsblatts“ gestanden. Gratuliert wurde in diesem Artikel dem zweiten neuapostolischen Kirchenpräsidenten Hermann Niehaus zum 60. Geburtstag. Kaiser Wilhelm II war in diesem Aufmacher der politische, Niehaus der religiöse Steuermann.
1908 gab es im deutschen Reich noch ein Dreiklassen-Wahlrecht, lehnte das deutsche Reich bei einer Friedenskonferenz in Den Haag die Unterschrift ab, löste Kaiser Wilhelm II mit einem Interview, das der „Londoner Daily Telegraph“ veröffentlichte, in Europa helle Aufregung aus, stieg Deutschland zur größten Seemacht nach Großbritannien auf. Europa taumelte auf den ersten Weltkrieg zu, sechs Jahre später verkündete dieser politische „Steuermann“ vom Balkon des Berliner Schlosses: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur Deutsche.“ Die letzte öffentliche Rede hielt Kaiser Wilhelm II am 11. September 1918 in Essen. Dort rief er die Krupp-Arbeiter zum Durchhalten auf, am 11. November 1918 begab er sich ins Exil in den Niederlanden.
"Ich habe geweint wie ein Kind"
Dem damaligen neuapostolischen Kirchenpräsidenten Hermann Niehaus war seinerzeit bereits mehrmals nach Abdanken zumute gewesen. In einer „Lebensbeschreibung“, die er Anfang 1928 verfasste, erinnerte sich der religiöse „Steuermann“ an innerkirchliche Auseinandersetzungen, die für ihn schon früh begonnen hatten. So sei er 1880 für vier Wochen in Hamburg gewesen, dazu merkte er an: „Diese vier Wochen waren schrecklich. Ich hatte so was noch nicht kennen gelernt. Ich habe geweint wie ein Kind und wäre gerne weggelaufen.“ Nach dem Tod des ersten Kirchenpräsidenten Friedrich Krebs im Jahre 1905 sei „auch dort der Kampf los“ gegangen, habe sich jeder der „grossen Herren“ für fähig gehalten, aber: „Keiner von ihnen war zu gebrauchen.“ 1912 habe man ihm „Keulenschläge“ zugefügt, die „nicht menschlich, sondern teuflisch“ gewesen seien. Den dritten Kirchenpräsidenten Johann Gottfried Bischoff, der sein Amt offiziell im Jahre 1930 übernahm, hielt er in dieser „Lebensbeschreibung“ bereits für seinen Nachfolger, geschrieben habe er ihm, „er solle an meinen Platz treten, ich würde ihm dienen mit meiner Kraft solange ich könnte“.
Eine Fälschung
Diese „Lebensbeschreibung“, die ein wenig konfus wirkt und die Beschäftigung mit den Hintergründen erschwert, weil Hermann Niehaus nach eigenem Bekunden zu einer zeitlichen Zuordnung der Ereignisse nur selten in der Lage gewesen ist, blieb bis 1990 weitgehend unbekannt. Als Walter Krappatsch aus Herne und ich 1990 in unserem Buch „An ihren Früchten“ aus dieser Schrift zitierten, gab es von neuapostolischer Seite diese Reaktion: „Das ist eine Fälschung.“
Doch eines Tages rief mich ein Historiker der Neuapostolischen Kirche an und erkundigte sich bei mir nach dieser „Lebensbeschreibung“: „Die suche ich schon sehr lange.“
Wahrhaftige Geschichtsschreibung
18 Jahre später ist die Neuapostolische Kirche auf der Suche nach einem Geschichtsbild, das laut Beitrag des derzeitigen Kirchenpräsidenten Wilhelm Leber in „Unsere Familie - Die Zeitschrift der Neuapostolischen Kirche“ vom 20. Mai 2008 „wahrhaftig“ sein soll. Zu den Fotos, die diesen Artikel illustrieren, gehört auch: „Hermann Niehaus und seine Brüder“.
Einer dieser Brüder hat sich um 1896 von der Neuapostolischen Kirche getrennt, der zweite Kirchenpräsident Hermann Niehaus sorgte im September 1897 in Enkhuizen für Aufregung. Dort wurden angeblich aufgrund einer „prophetischen Offenbarung“ Amtsträger berufen. Anschließend wurde in seinem Gesangbuch ein Brief gefunden, der bewies: Die Vorschläge für die Berufung der Amtsträger stammten von dritter Seite.
Auch in der Amtszeit von Hermann Niehaus gab es viele Abspaltungen, 15 waren es mindestens. Doch zwischen 1930 und 1960, als Johann Gottfried Bischoff der dritte Kirchenpräsident der Neuapostolischen Kirche war, wurde diese Zahl noch übertroffen.
An der Spitze hatten bis dahin mit Friedrich Krebs (1896 bis 1905, gestorben 1905 in Braunschweig) ein königlicher Bahnmeister und mit Hermann Niehaus (1905 bis 1930, gestorben 1932 in Quelle/Westfalen) ein Landwirt gestanden. Johann Gottfried Bischoff war Besitzer eines Tabak- und Weinladens.
Falsche Beurteilung
Im Dezember 1933 beklagte sich der Schriftführer des Apostelkollegiums der Neuapostolischen Gemeinden in einer dreiseitigen Schrift darüber, dass „die Stellung der Neuapostolischen Gemeinde im Staat und zur Volksgemeinschaft mitunter noch falsch beurteilt“ werde. Deshalb habe sich 1932 jemand, der zur SA gehörte und neuapostolisch werden wollte, bei Adolf Hitler nach seiner Meinung über die Neuapostolische Kirche erkundigt. Die Antwort vom 19. Juni 1932 habe gelautet: „Herr Hitler läßt Ihnen durch mich für Ihren Brief vom 8. Juni danken. Da er durch dringende Arbeiten in Anspruch genommen ist, habe ich dessen Beantwortung übernommen. Aus der bisherigen kirchenpolitischen Stellungnahme Hitlers folgt klar und sicher, daß von einem Verbot der Neuapostolischen Kirche durch eine nationalsozialistische Regierung nicht die Rede sein kann. Dieses Bekenntnis wird im Dritten Reich genau wie die übrigen christlichen Bekenntnisse Schutz und Förderung erhalten.“
Weiter berichtete dieser Sprecher des Apostelkollegiums der Neuapostolischen Gemeinden, also der höchsten innerkirchlichen Instanz, dass Johann Gottfried Bischoff bereits am 18. Juli 1932 die Anweisung gegeben habe, dass „Nationalsozialisten in Uniform zu den Gottesdiensten Zutritt haben, freundlich zu behandeln sind und an der Feier des Heiligen Abendmahls sowie an allen übrigen Segnungen der Kirche teilnehmen dürfen.“
Siehe auch
21. Juni 2008
Dunkle Kapitel in NAK-Geschichte
Das Verhalten gegenüber Diktaturen gehört zu den dunklen Kapiteln in der Geschichte der Neuapostolischen Kirche, die innerkirchliche Forderung, man möge sich endlich damit beschäftigen, gibt es nicht erst seit kurzer Zeit. Deshalb wirken einige Anmerkungen des gegenwärtigen Kirchenpräsidenten Wilhelm Leber in seinem Beitrag vom 20. Mai 2008 in „Unsere Familie - Die Zeitschrift für die Neuapostolische Kirche“ auf Informierte wie das Verhalten einer Katze gegenüber heißem Brei.
Die Frage „Warum befragt man nicht Zeitzeugen?“ beantwortet er so: „Verschiedentlich wurde die Erwartung geäußert, dass eine Befragung von Zeitzeugen mehr Aufschluss über die Vorgänge der 1950er Jahre bringen könne als die Erschließung schriftlicher Quellen. Nun muss man sich über eines im Klaren sein: Personen, die an den seinerzeitigen Entscheidungsprozessen beteiligt gewesen sind, leben nicht mehr. Es könnten also nur Personen befragt werden, die diese Zeit als Beobachter erlebt haben.“ Diesen Vorbehalten fügt er jedoch hinzu: „Immerhin wollen wir uns diesem Vorschlag nicht verschließen. Es wird zu überlegen sein, wie Zeitzeugen ausgewählt und befragt werden können.“
"Übergangsregierung" vorgeschlagen
Dazu hat es bereits einen ganz konkreten Vorschlag gegeben, er stammt aus dem Jahren 1995 bis 1997. Vorgeschlagen wurde eine „Übergangsregierung“, die sich mit der Geschichte der Neuapostolischen Kirche beschäftigen und die Lehre auf den Prüfstand stellen sollte. Diese Forderungen stellte ein Schweizer Arzt, der den damaligen Kirchenpräsidenten Richard Fehr von Jugend auf kannte und aus der Neuapostolischen Kirche ausgetreten war. Die „Schaffhauser Nachrichten“ berichteten am 24. Dezember 1997: „Aufstand gegen den Stammapostel - Ein langjähriger Schaffhauser Funktionär der Neuapostolischen Kirche erhebt schwere Vorwürfe gegen den in Zürich residierenden Stammapostel Richard Fehr“.
Es gab einen unendlichen Briefwechsel, es fanden Gespräche neuapostolischer Kirchenpräsidenten mit diesem Kritiker statt, dann stellte dieser Schweizer dem neuapostolischen Kirchenpräsidenten ein Ultimatum: „Bis zum 31. Dezember 1997 muss Richard Fehr reagieren, sonst wende ich mich an Presse, Funk und Fernsehen“. Der neuapostolische Kirchenpräsident reagierte mit einer Großveranstaltung in Hannover, die am 21. Dezember 1997 per Satellit übertragen wurde. Dazu schrieb dieser Kritiker am 5. Januar 1998, dass jemand wohl „nach dem süffisanten spöttischen Lächeln des Richard Fehr im ´TV-Gottesdienst´“ die Nerven verloren und die Presse informiert habe. So sei es beispielsweise zu dem Artikel in den „Schaffhauser Nachrichten“ gekommen.
Dokumente ausgetauscht
Bis dahin waren zwischen diesem Kritiker und neuapostolischen Kirchenpräsidenten auch unzählige Dokumente ausgetauscht worden, in denen es auch um die Amtszeit von Johann Gottfried Bischoff ging, der von 1930 bis 1960 an der Spitze der Neuapostolischen Kirche gestanden hat. Seinerzeit beschäftigte sich sogar der Landtag von Baden-Württemberg mit der Neuapostolischen Kirche.
Dazu gab es eine Kleine Anfrage des CDU-Abgeordneten Dr. Paul-Stefan Mauz, die vom Kultusministerium am 29. September 1997 beantwortet wurde (Drucksache 12/1915). Zum Verhalten der Neuapostolischen Kirche gegenüber Diktaturen hieß es: „Das Kultusministerium verfügt über keine eigenen Erkenntnisse über das Verhalten der Neuapostolischen Kirche gegenüber staatlichen Stellen in der ehemaligen DDR und in der Zeit des Nationalsozialismus. Insbesondere sind hier keine Fälle bekannt, in denen eine Tätigkeit von Informellen Mitarbeitern (IM) in diesem Bereich nachgewiesen wurde.
Die Neuapostolische Kirche Baden-Württemberg gibt zu diesem Problembereich zu bedenken, dass gerade unter totalitären Systemen der Auftrag zur Verkündigung des Evangeliums und die damit verbundene Seelsorge oft äußerst schwierig zu erfüllen gewesen sei. So habe es unter dem Regime des Nationalsozialismus wie auch in der damaligen DDR verschiedentlich kritische Situationen gegeben, in denen sich die Neuapostolische Kirche einem Verbot ausgesetzt sah. Trotzdem versuchte die Neuapostolische Kirche - wie auch andere Religionsgemeinschaften - der schwierigen Situation Rechnung zu tragen und ihre kirchlichen Aufgaben sicherzustellen.“
SA-Hochzeit in neuapostolischer Kirche
Schon sind wir wieder bei dem Schriftführer des Apostelkollegiums der Neuapostolischen Gemeinden Deutschland, der sich im Dezember 1933 mit dem Thema „Die Neuapostolische Gemeinde im Dritten Reich“ beschäftigte. In dieser Schrift ging es allerdings auch um die Zeit vor Hitlers Machtergreifung. Der Schriftführer hielt seinerzeit fest: „Am 3. Dezember 1932 fand in der Neuapostolischen Kirche Stuttgart-Süd die Trauung eines SA-Mannes in Uniform statt, wobei ihm der Sturm, zu dem er gehört, in Uniform das Ehrengeleit gab und innerhalb und außerhalb des Gotteshauses Aufstellung nahm.
Dadurch zog natürlich die Neuapostolische Gemeinde den Haß der Gegner auf sich, wie z. B. die kommunistische ´Süddeutsche Arbeiter-Zeitung´, Stuttgart, in ihrer Beilage vom 7. 12. 32 schrieb:
Nazi-Hochzeit mit ´Riemen-Anschnallen!´
Am Samstag fand in der Neuapostolischen Kirche in der Immenhofer Straße in Stuttgart eine Nazi-Hochzeit statt. Dort wurde offen demonstriert, etwa 25 uniformierte SA-Leute stellten sich vor der Kirche auf…Die S. A. nahm Aufstellung in der Kirche und ein dienstbeflissener Priester segnete das erhabene Paar. Nach der Hochzeit ging es hoch her. Wären Arbeiter in eine ähnliche Lage gekommen, es wäre anders vorgegangen worden.
Im Dezember 1932 fand in Ettlingen die Beisetzung eines Nationalsozialisten durch einen Diener der Neuapostolischen Gemeinde statt, die, wie das Badische Kampfblatt für nationalsozialistische Politik und deutsche Kultur ´Der Führer´ schrieb, von der Geistlichkeit anderer Konfessionen verweigert wurde.“
23. Juni 2008
Vorauseilender Gehorsam
Am ersten Februar-Wochenende des Jahres 2008 ist der gegenwärtige neuapostolische Kirchenpräsident Wilhelm Leber in Indien gewesen. Dort wurde von ihm diese Frage gestellt: “Lassen wir uns von Gottes Stimme leiten, oder von der Stimme des Satans?” (”Unsere Familie - Die Zeitschrift für die Neuapostolische Kirche”, 5. April 2008) Solche Fragen gehören zu den “sprachlichen Eigentümlichkeiten”, von denen Wilhelm Leber in der gleichen Zeitschrift am 20. Mai 2008 schrieb, als er sich mit der Aufarbeitung der Geschichte dieser Glaubensgemeinschaft beschäftigte und zu bedenken gab, dass Geschichtswissenschaftler mit solchen Sprachregelungen Probleme haben könnten.
Wohl kaum ein Historiker, der nicht neuapostolisch ist, wird auch diese Predigpassage verstehen: “Solange wir hier in diesem Ägypten sind, will Satan uns dazu bewegen, Bürger Ägyptens zu werden. Ich glaube, ihr wisst, was ich meine. Jeden Tag müssen wir unsere Entscheidung bekräftigen: Ich habe mich für den Herrn entschieden, dabei bleibt es… Wenn uns die Welt, in der wir leben, bedrängt, dann wollen wir fest stehen.” (”Unsere Familie”, 5. April 2008)
Vorauseilender Gehorsam
In dieser Hinsicht muss man der Neuapostolischen Kirche (NAK) schon vor der Machtergreifung Hitlers Versagen vorwerfen. Wer sich seinerzeit darauf berufen hat, dass es bereits im Juni 1932 zu Kontaktaufnahmen mit der NSDAP gekommen sei, ist gegenüber den Faschisten vorauseilend gehorsam gewesen.
Adolf Hitler verbarg seine Absichten im Sommer 1932 keinesfalls, in Eberswalde sagte er am 27. Juli 1932: “Wir sind intolerant. Ich habe mir ein Ziel gestellt, nämlich diese 30 Parteien aus Deutschland hinauszufegen.” Vier Tage später wurde die NSDAP stärkste Fraktion im Reichstag. Doch im November 1932 endete der Aufwärtstrend bei den Wahlen. Goebbels notierte am 6. November 1932: “Wir haben eine Schlappe erlitten.” Bei den zweiten Reichstagwahlen, die es in diesem Jahr gab, war der Stimmenanteil der Nationalsozialisten von 37,7 Prozent am 31. Juli 1932 auf 33,1 Prozent gesunken. Es blieb dabei: Hitler konnte keine einzige freie Wahl gewinnen. Dennoch wurde er am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt, zwei Tage später wurde der Reichstag aufgelöst.
Als Adolf Hitler fünf Wochen im Amt war, fanden die letzten Reichstagswahlen statt. Die NSDAP bekam 288 von 647 Mandaten. Die Mehrheit musste also auf andere Weise beschafft werden. Es geschah dies: 8. März 1933, die KPD verliert ihre 81 Reichstagsmandate, 10. März 1933, die letzten beiden sozialdemokratischen Zeitungen werden verboten, 23. März 1933, der Reichstag verabschiedet das so genannte “Ermächtigungsgesetz“, die Exekutive übernimmt damit auch die Funktion der Legislative, das Propagandablatt der Faschisten titelt “Der Reichstag übergibt Hitler die Herrschaft” (”Völkischer Beobachter”, 24. März 1933).
“Wahre Verhältnisse” geschildert
Schon drei Tage vor Verabschiedung des so genannten “Ermächtigungsgesetzes” richtete der damalige neuapostolische Kirchenpräsident Johann Gottfried Bischoff ein “Aufklärungsschreiben” (Zitat Schriftführer des Apostelkollegium der Neuapostolischen Gemeinden, Dezember 1933) an die neuapostolischen Gemeinden im Inland und Ausland. Dazu merkte der NAK-Schriftführer an, Bischoff habe in diesem Schreiben “die wahren Verhältnisse Deutschlands” geschildert und “entschieden Stellung gegen die Greuelpropaganda” genommen. Bereits am 21. März 1933 ließ der damalige neuapostolische Kirchenpräsident demnach ein Rundschreiben folgen, in dem er die Mitglieder seiner Glaubensgemeinschaft dazu aufforderte, die “Ersten in der Treue zur Obrigkeit und zum Vaterland” zu sein.
28. März 1933: Hitler verkündet einen Boykott, der sich gegen jüdische Ärzte, Geschäftsleute und Rechtsanwälte richtet. 8. April 1933: Es gibt die ersten Konzentrationslager. In einem Lager in Pommern muss der Publizist Carl von Ossietzky sein eigenes Grab schaufeln.
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24. Juni 2008
Neuapostolische Kirche nichts für Thomas Mann
“Massive Kritik der letzten Jahre aus den eigenen Reihen, Kirchenschließungen und -verkäufe (in Berlin zeitgleich 28 Gemeinden) sowie permanenter Mitgliederschwund zwangen die Kirchenleitung zu einem so genannten Öffnungsprozess und mehreren Reformankündigungen im Sinne einer Flucht nach vorn. Die Aufarbeitung der eigenen verdrängten Vergangenheit in den beiden Weltanschauungsdiktaturen befindet sich seit Jahren im Stadium der Bemühungen”, hat Olaf Wieland aus Reinbek bei Hamburg in einem Forschungsbericht angemerkt, der im Jahrbuch 2007 des Vereins für Freikirchenforschung (Münster/Westfalen) erschienen ist. Dieser Autor ist Mitglied der Neuapostolischen Kirche (NAK) und gehört zu den kritischen Kreisen in dieser Glaubensgemeinschaft, die seit geraumer Zeit die Finger in die NAK-Wunden legen.
In der Außendarstellung zeichnet die NAK aber weiterhin ein Bild der Einheit. Das hat sich Anfang 2006 so angehört: “Der große Mann Gottes unserer Tage, der Träger des höchsten Amtes unserer Kirche, ist bei uns. Wir haben erlebt, dass Gott mit ihm ist und dass er ihn unter uns groß gemacht hat.” (”Unsere Familie - Die Zeitschrift der Neuapostolischen Kirche”, 20. März 2006) Dieser “große Mann Gottes” heißt Wilhelm Leber, bekleidet seit Pfingsten 2005 das höchste Amt in der NAK (=Stammapostel) und ist verheiratet mit einer Enkelin von Johann Gottfried Bischoff, der am 25. April 1933 die folgende Anordnung gab: “Aufnahme von Personen aus aufgelösten staatsfeindlichen und freidenkerischen Organisationen. Es ist zu erwarten, dass nunmehr aus genannten Lagern manche versuchen werden, sich einer Religionsgemeinschaft anzuschließen, ohne dabei die Absicht zu haben, wahres und positives Christentum zu pflegen.
Personalien der NSDAP vorlegen
Wenn solche Leute unsere Gottesdienste besuchen, ist streng darauf zu achten, ob sich dieselben auch wirklich von ganzem Herzen umzustellen suchen und bemüht sind, wahre Christen und ehrbare Bürger des Staates und der Gemeinde zu werden. In Zweifelsfällen wird es gut sein, die Personalien solcher Personen der zuständigen Ortsgruppe der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei zur Nachprüfung vorzulegen, ob zu erwarten ist, dass sich diese Leute innerhalb der Gemeinde in staatsfeindlichem Sinne betätigen könnten. Die Aufnahme solcher Personen darf erst dann stattfinden, wenn die Unbedenklichkeitserklärung der NSDAP vorliegt.”
Unerwünschte Autoren
Zwei Tage vor dieser Anordnung wurde die erste Verbotsliste unerwünschter Autoren veröffentlicht, auf dieser Liste standen Namen wie Bertolt Brecht, Alfred Döblin, Heinrich und Klaus Mann, Erich Maria Remarque und Kurt Tucholsky, die somit die von der NAK geforderte Unbedenklichkeitserklärung nicht mehr hätten vorlegen können.
Der 1. Mai 1933 wurde zum ersten Mal als “Feiertag der nationalen Arbeit” begangen, der neuapostolische Kirchenpräsident Johann Gottfried Bischoff ordnete an, dass alle den neuapostolischen Gemeinden gehörenden Grundstücke mit der Hakenkreuzflagge und mit der Fahne Schwarz-Weiß-Rot zu schmücken seien.
24 Stunden später überfielen SS und SA alle Gewerkschaftshäuser, Redaktionsbüros der Gewerkschaftspresse und die Büros der Bank der Arbeiter, Angestellten und Beamten. Gewerkschaftsfunktionäre wurden ins Gefängnis geworfen.
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26. Juni 2008
Angebliche Zusammenarbeit mit den Nazis?
“Mindestens 13 Apostel und Bezirksapostel gehörten der NSDAP an, wie Akten des Document Center in Berlin belegen. Die braunen Apostel waren teilweise bis Mitte der achtziger Jahre weiter im Kirchendienst. Das Thema ist bis heute in der Sekte tabu”, hat der “Spiegel” am 30. Oktober 1995 festgestellt.
Kurz vor Erscheinen dieses Artikel gab eine Religionslehrerin aus Berlin in einer Kleinanzeigenzeitung ein Inserat auf, mit dem sie sich auf die Suche nach ehemaligen Mitgliedern der Neuapostolischen Kirche (NAK) machte. Obwohl es sich dabei um eine Chiffre-Anzeige handelte, forderte die NAK Berlin-Brandenburg von dieser Zeitung den Namen der Anzeigenkundin und bekam ihn. Danach berichtete diese Religionslehrerin von Telefonterror. Anrufer meldeten sich demnach mit: “Hier ist die Reichshauptstadt Berlin.”
Ich zweifelte nicht an ihren Schilderungen, denn mir war Ähnliches widerfahren. So rief mich im Oktober 1992 eine Frau an, die einen Brief bekommen hatte. Sie las mir Zitate aus diesem Brief vor, wie “Die Spendengelder der neuapostolischen Mitglieder werden versoffen und verprasst.” und “Die Geldbeutel werden leer gesaugt.” Unter diesen Beschimpfungen standen mein Name und meine Telefonnummer. Noch am gleichen Abend erreichten mich weitere Anrufe, sie kamen aus Ostfriesland. Auch dort war dieses Schreiben gelandet.
NAK-Kirchenpräsident kann Bitte nicht nachkommen
Am 2. November 1992 hatte ich endlich eine heiße Spur, eine Familie, die diesen Brief weiter gegeben hatte, bis er beim NAK-Funktionär Hartwig Warffmann aus Leezdorf ankam. Ich rief ihn an und bekam zur Antwort: “Ich kann mir gut vorstellen, dass Sie an diesem Brief interessiert sind, denn es entsteht wirklich der Eindruck, dass Sie etwas damit zu tun haben könnten. Ich habe den Brief an die neuapostolische Zentrale in Bremen weitergeleitet. Das hielt ich für meine Aufgabe.” Also wendete ich mich an den dortigen neuapostolischen Kirchenpräsidenten, der antwortete mir am 5. November 1992, er könne meiner Bitte, mir den Brief zur Verfügung zu stellen, nicht nachkommen. Da blieb mir nur eins: Strafantrag gegen Unbekannt. Über die Vorgänge informierte ich auch den neuapostolischen Kirchenpräsidenten Richard Fehr in Zürich - der schwieg und es wurde noch schlimmer. Ein anonymer Anrufer, der sich bei einem Bekannten von mir meldete, war sicher: “Früher wären Sie an die Wand gestellt worden.”
Mahnwachen in Stuttgart
Die Staatsanwaltschaft stellte das Ermittlungsverfahren schließlich ein, die Neuapostolische Kirche hatte neue Probleme. Bei einem Treffen junger NAK-Mitglieder in Stuttgart gab es am 13. Juni 1993 Mahnwachen ehemaliger Mitglieder, bei denen auch an die Nazi-Vergangenheit der Neuapostolischen Kirche erinnert wurde. NAK-Kirchenpräsident Karl Kühnle reagierte darauf am 16. Juni 1993 mit einem Schreiben an alle Amtsträger in Württemberg und Bayern. In diesem Brief befürchtete er, dass “nun offensichtlich die angebliche Zusammenarbeit der Neuapostolischen Kirche mit dem damaligen Nazi-Regime” thematisiert werde.
Spenden für nationale Arbeit
Angebliche Zusammenarbeit? Hatte der damalige Schriftführer des Apostelkollegiums der neuapostolischen Gemeinden im Dezember 1933 in seiner Schrift “Die Neuapostolische Gemeinde im Dritten Reich” etwa nicht auch darauf hingewiesen: “Am 10. Juli 1933 erließ der Hauptleiter an alle Neuapostolischen Gemeinden Deutschlands einen Aufruf für eine Spende zur Förderung der nationalsozialistischen Arbeit, die den Betrag RM 57.533,35 ergab. Ferner leisten von diesem Zeitpunkt ab alle Angestellten der Neuapostolischen Gemeinden Deutschlands eine freiwillige Spende zur Förderung zur nationalen Arbeit”?
Außerdem habe der neuapostolische Kirchenpräsident Johann Gottfried Bischoff am 31. Juli 1933 in Frankfurt eine Kundgebung veranstaltet, bei der die überseeischen Vertreter der Neuapostolischen Kirche vom Leiter der Landesstelle für Volksaufklärung und Propaganda Müller-Scheld über das Thema `Nationalsozialismus und Auslandspropaganda´ informiert worden seien. Dieser Schriftführer entdeckte sogar Parallelen: “Die peinlich-gewissenhafte Befolgung aller Anordnungen und Verfügungen des Hauptleiters, der seinen Sitz in Deutschland hat, ist Pflicht eines jeden Mitgliedes der Kirche; denn in ihr ist das Führerprinzip in religiöser Hinsicht in jeder Weise ausgeprägt.”
Noch einmal: angebliche Zusammenarbeit? Dazu ein weiteres Zitat aus dieser Schrift aus dem Dezember 1933: “Zum Schluß sei noch erwähnt, dass nach der Wahl im Dezember 1929 in D. die kommunistische Partei eine Liste mit 28 Namen von Volksgenossen veröffentlichte, die für die NSDAP gestimmt hatten, unter dem Motto: Schlagt die Faschisten, wo ihr sie trefft! Unter den benannten 28 Volksgenossen befanden sich nicht weniger als 12 Mitglieder der Neuapostolischen Gemeinde. Außerdem sei noch auf die Tatsache hingewiesen, dass schon seit 1921 und 1923 Mitglieder der Neuapostolischen Gemeinde mit dem Führer Freud und Leid geteilt haben. Zwei ihrer Mitglieder haben dabei ihr Leben gelassen, über 60 wurden verwundet und einige infolge ihrer nationalsozialistischen Betätigung mit Gefängnis bestraft. Dies ist im Verhältnis zur Mitgliederzahl der Gemeinden ein hoher Prozentsatz.”
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28. Juni 2008
Keine Zweifel an Hitlers Sieg
“Es ist Großdeutschland, das zum ersten Mal in Erscheinung tritt”, lässt sich Adolf Hitler am 5. September 1938 beim 10. NSDAP-Reichsparteitag in Nürnberg feiern. Österreich hat er sich bereits einverleibt, das Sudentenland soll folgen, im Exil lebende Deutsche verfolgen die Ereignisse mit wachsender Sorge, am 22. September 1938 fordern sie den Sturz von Hitler. Viele Staatsmänner scheinen aber noch nicht begriffen zu haben, was die Faschisten wirklich vorhaben. So hält der englische Premierminister Chamberlain am 30. September 1938 stolz ein Papier in der Hand, auf dem steht, dass Hitler und er den Frieden in Europa sichern wollen. Einen Tag später marschieren deutsche Truppen im Sudentenland ein.
In Deutschland läuten am 2. Oktober 1938 die Kirchenglocken, der Breslauer Kardinal Bertram gratuliert als Vorsitzender der Fuldaer Bischofskonferenz dem Reichskanzler zu einer “Großtat der Sicherung des Völkerfriedens”. Diese Sprachregelung übernimmt “Unsere Familie - Die Zeitschrift für die Neuapostolische Kirche” am 20. November 1938.
Dieser “Großtat” lässt Hitler am 15. März 1939 den Einmarsch deutscher Truppen in Prag folgen, der Reichskanzler betritt gegen 22 Uhr den Hradschin und wundert sich darüber, dass bislang weder Frankreich noch Großbritannien und die Sowjetunion protestiert haben. An der Spitze der katholischen Kirche steht inzwischen Papst Pius XII, Papst Pius XI ist am 10. Februar 1938 gestorben. Von ihm stammt die Enzyklika “In brennender Sorge” vom 13. März 1937.
Der Reichspropagandaminister Goebbels informiert die Presse am 16. März 1939 darüber, dass der Begriff “Großdeutsches Weltreich” noch nicht verwendet werden dürfe, man warte auf eine “spätere Gelegenheit”.
1. September 1939: Adolf Hitler setzt die Welt in Brand. Vor dem Reichstag erklärt er: “Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurück geschossen”, als sei Deutschland überfallen worden. Zwei Tage darauf erklärt Hitler auch Frankreich und Großbritannien den Krieg.
Der für die Faschisten nur erfolgreich enden kann, erscheint in “Unsere Familie - Die Zeitschrift für die Neuapostolische Kirche” ein Propagandaartikel nach dem anderen. Die Wiedergaben der Predigten des Kirchenpräsidenten Johann Gottfried Bischoff wirken in diesem Umfeld unpassend. So sagt er in Düsseldorf-Flingern: “Wir wissen aus der Kirchengeschichte, dass diejenigen, die sich vom Herrn abwandten, Wohlstand, Ehre und Ansehen hatten und dass es denjenigen, die sich für den Herrn entschieden, in irdischer Hinsicht nicht gut ging. Sie mussten zum Teil flüchten und Hab und Gut, Ehre und Ansehen für ihre Entscheidung hergeben. Wir wissen ferner, dass viele von ihnen sogar ihre Entscheidung für den Herrn mit ihrem Leben bezahlen mußten.”
Diese Sätze stehen im krassen Gegensatz zu den Artikeln, die vor und während des Krieges in “Unsere Familie” erscheinen. Das macht ein Blick in die Ausgabe vom 20. April 1940 deutlich. In einem Artikel mit der Überschrift “Deutsche Lebensform” wird Adolf Hitler so zum Geburtstag gratuliert: “Der deutsche Sozialismus ist die Lebensform, die sich das deutsche Volk selbst gegeben hat. Er verkörpert die Gemeinschaftsidee, die Verpflichtung des einzelnen für das Ganze und des Ganzen für den einzelnen. Daß das deutsche Volk im Innern in sozialistischer Haltung so fest gefügt dasteht, hat unsere Gegner in Furcht und Haß zum Angriff gegen uns zusammengeführt.” Zum Schluss heißt es: “In Deutschland dringt der sozialistische Gedanke immer tiefer in das Leben unseres Volkes ein und macht uns im Kampf mit unseren Gegnern unbezwingbar.”
Herausgeber dieser neuapostolischen Zeitschrift ist Friedrich Bischoff, Sohn des Kirchenpräsidenten, selbst hoher Amtsträger der Neuapostolischen Kirche und Parteimitglied.
England wird 1940 immer wieder mit Hohn und Spott überzogen. “Es wird unter den Schlägen der deutschen Wehrmacht genau so zusammenbrechen wie vor ihm Polen und Frankreich zusammengebrochen sind”, steht in diesem Jahr in “Unsere Familie” und “Es sind Tage der Entscheidung, die wir erleben, und es gibt keinen Zweifel darüber, dass am Ende dieser Entscheidung der Sieg Deutschlands steht, denn jeder Deutsche, wo er auch stehen mag, hält diesen Sieg fest in der Hand.”
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1. Juli 2008
Zaire: Präsident stellt Herberge zur Verfügung
Obwohl die Neuapostolische Kirche das Gegenteil prophezeit hat, sind weder das Kaiserreich noch der Hitlerfaschismus aus den beiden Weltkriegen als Sieger hervorgegangen, warum aber ergreift eine Glaubensgemeinschaft, die von sich behauptet, sie sei zwar noch in dieser Welt, aber nicht mehr von dieser Welt, dermaßen Partei? Diese Frage ist mehreren neuapostolischen Kirchenpräsidenten in privaten Briefen gestellt worden. Eine Antwort hat niemand bekommen.
Wenn der gegenwärtige neuapostolische Kirchenpräsident Wilhelm Leber in “Unsere Familie - Die Zeitschrift der neuapostolische Kirche” vom 20. Mai 2008 zur eigenen Geschichtsschreibung anmerkt “Wir sind zuversichtlich, eine Darstellung zu erreichen, die von allen Seiten Akzeptanz findet”, dann fragt man sich, warum man kritische Stimmen aus den eigenen Reihen immer wieder erstickt hat.
Da bekommt am 6. November 1990 ein neuapostolischer Kirchenpräsident einen Brief von einem Mitglied mit Fragen auch zum Verhalten dieser Glaubensgemeinschaft während der Hitlerdiktatur - und die Antwort lautet: “Dieser Brief ist so voller Verwirrung, falscher Angaben, Gebiete, auf denen sich ein Gotteskind nicht bewegen sollte, dass eine sorgfältige Beantwortung nicht möglich ist.”
Toller Empfang in Zaire
Die soll jetzt aber möglich sein? Da bietet sich vor der Würdigung des Verhältnisses der Neuapostolischen Kirche (NAK) zur SED-Diktatur ein Blick in das geschichtsträchtige Jahr 1989 an. In Berlin ist gerade die Mauer gefallen, da reist der Vorgänger von Wilhelm Leber nach Zaire, in eine der blutigsten Diktaturen Afrikas, ein Begleiter mit dem zweithöchsten Amt in dieser Glaubensgemeinschaft notiert: “Unser Gepäck wird in die bereitstehenden Mercedes, die von der Regierung eigens für uns zur Verfügung gestellt worden sind, verladen und los geht die Fahrt nach Ensele, der speziellen Unterkunft für Gäste des Präsidenten.”
Dieser Begleiter schreibt auch auf, was ein Reporter am 3. Dezember 1989 über die Neuapostolische Kirche sagt: “Selbst wenn man eine Armee ausbilden würde, könnte sie die Menschen nicht in einer solchen Ordnung halten…”
Dieser Satz steht kommentarlos in einem Rundschreiben aus dem Januar 1990, der ranghohe Begleiter des damaligen neuapostolischen Kirchenpräsidenten Richard Fehr hat ihn offenbar als Lob genommen.
357 Kirchengemeinschaften verboten
Ein Jahr vorher in Zaire: Christliche Kirchen üben immer heftigere Kritik an Korruption und Unterdrückung in diesem Land. Der Präsident, der im Dezember 1989 die neuapostolische Delegation beherbergen wird, verbietet daraufhin 357 Kirchengemeinschaften. Bis dahin soll er sieben Milliarden US-Dollar außer Landes geschafft haben.
Zurück ins Jahr 1989: Die DDR steht vor dem Zusammenbruch, die Menschen haben genug von der SED-Diktatur, in evangelischen Kirchen treffen sich Kritiker und das “Organ des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands” berichtet am 7. Februar 1989: “Zu einem freundschaftlichen Gespräch mit dem Staatssekretär für Kirchenfragen, Kurt Löffler, traf am Montag in Berlin der zu einem Besuch in der DDR weilende Kirchenpräsident Richard Fehr, erster Repräsentant der Neuapostolischen Kirche International, zusammen. In seiner Begleitung befanden sich die Kirchenpräsidenten und weitere leitende Vertreter der neuapostolischen Gebietskirchen der DDR. Kirchenpräsident Fehr sagte, bei seinen Besuchen in der DDR sei er jedes mal ´in ein sicheres und geordnetes Land gekommen´…Der Gast dankte dem Staatssekretär und den Staatsorganen für die den neuapostolischen Kirchen in der DDR gewährte Unterstützung.”
Diese Unterstützung ist fürwahr erstaunlich gewesen.
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2. Juli 2008
Prophetische Rede - und dann das?
“Die prophetische Rede ist eine Gabe des Heiligen Geistes, die auch uns gegeben ist”, schreibt der gegenwärtige Kirchenpräsident Wilhelm Leber am 15. September 2006 über die Neuapostolische Kirche (NAK).
Diese Gabe müsste auch der dritte Kirchenpräsident Johann Gottfried Bischoff gehabt haben. Allerdings schrieb der in “Unsere Familie - Die Zeitschrift der Neuapostolischen Kirche” am 5. Dezember 1941: “So ist im Bestreben, alle Kräfte zusammenzufassen und alle Mittel auf das eine Ziel, den Endsieg auszurichten, auch für die Zeitschrift ´Unsere Familie´ der Zeitpunkt gekommen, an dem sie ihr Erscheinen einstellt.”
Jeder Sehende wusste damals eigentlich schon, dass der Hitlerfaschismus dem Untergang geweiht war, und dass Hitler vor nichts zurückschreckte. Dennoch glaubte dieser Kirchenpräsident immer noch an den Endsieg - oder tat er nur so?
Wer zu spät kommt
48 Jahre später brach auf deutschem Boden die zweite Diktatur zusammen. Vorher feierte sie noch ihr 40-jähriges Bestehen und Gorbatschow sagte den inzwischen legendären Satz: “Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.” Zur gleichen Zeit las man in einer Sonderbeilage von “Unsere Familie” zum 40. Jahrestag der DDR: “Wir sind fest davon überzeugt, mit unseren Aktivitäten die Bemühungen der Regierung zu unterstützen.”
Geändert hatte sich also nichts, stellte im Februar 1989 der “Materialdienst” der “Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen” (EZW) fest: “Die Neuapostolische Kirche hat sich immer bemüht, ihre Loyalität der Staatsmacht gegenüber unter Beweis zu stellen. Das war im deutschen Kaiserreich so, zur Hitlerzeit, wie nun auch, unter dem neuen Regime in der DDR.”
Auch als die Sonderbeilage von “Unsere Familie” erschien, war jedem Sehenden klar, dass die SED-Diktatur vor dem Zusammenbruch stand. Als mit Gorbatschow in Moskau ein Politiker die Macht übernommen hatte, der voller Tatendrang an die Arbeit ging, sich Perestroika und Glasnost auf die Fahnen schrieb, ging auch ein Ruck durch die DDR.
Neuer Hoffnungsträger
Das war schon bei jedem Besuch zu spüren. Nach Willy Brandt gab es für die Menschen jenseits der Elbe einen zweiten Hoffnungsträger, hoch geschraubt wurden die Erwartungen noch nicht, man hoffte auf Erleichterungen bei Reisen in den Westen, auf eine bessere Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs und darauf, dass nicht mehr an jeder Ecke ein Spitzel stehen würde, evangelische Kirchen wurden zum Zufluchtsort von Systemkritikern, die Staatsführung wusste manchmal nicht mehr, wie ihr geschah, Udo Lindenberg war bereits mit seinem Sonderzug nach Pankow in Ost-Berlin gewesen - wohin die Weiterfahrt führen würde, wusste zwar kaum jemand, aber so wie es war, würde es nicht bleiben.
Es scheint also so eine Sache zu sein mit der prophetischen Rede in der Neuapostolischen Kirche, deren Bauvorhaben bis in die späten 1960er-Jahre meistens über das Nationale Aufbauwerk (NAW) der DDR abgewickelt wurden, also als gesellschaftlich notwendige und anerkannte Aufbauleistungen eingestuft wurden.
Der DDR-Religionswissenschaftler Helmut Obst aus Halle vermutete damals, dass die kritiklose Haltung der Neuapostolischen Kirche zu Diktaturen in der Entstehungsgeschichte dieser Glaubensgemeinschaft zu suchen sei, ihre erste Blütezeit habe sie schließlich in der wilhelminischen Zeit erlebt, fortan sei das Ideal der neuapostolischen Spitzenfunktionäre der autoritär regierte preußische Staat gewesen.
Über 100 Abspaltungen
Diese autoritäre Struktur hat immer wieder zu Konflikten geführt, über 100 Abspaltungen sind dafür ein beredtes Zeugnis, doch der Inhalt will heute immer weniger zur Form passen. Spricht man mit jungen Gemeindemitgliedern, bekommt man meistens zu hören, dass man sich für Hintergründe nicht interessiere, die Kirchenbesuche sind reine Gewohnheit geworden, auf die man auch schon einmal verzichtet, wenn anderes reizvoller wirkt, viele bleiben ganz weg und neuapostolische Gemeinden reagieren darauf mit Rollenspielen, in denen eingeübt wird, wie man solche jungen Leute zurückholt.
Doch ein paar an der Geschichte der Neuapostolischen Kirche Interessierte gibt es immer wieder - wie in diesen Tagen Olaf Wieland aus Reinbek bei Hamburg, der sich mit anderen Mitgliedern dieser Glaubensgemeinschaft mit der Vergangenheit beschäftigt. In diese Arbeit ist die Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz “Die Kirche” am 11. Juli 2004 mit der Meldung geplatzt: “IM Apostel - Hochrangige Vertreter der NAK waren Spitzel.”
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3. Juli 2008
Als Spitzel für die Stasi gearbeitet?
Hohe Funktionäre der Neuapostolischen Kirche (NAK) als informelle Mitarbeiter der Staatssicherheit (Stasi), die am 24. Januar 1950 in der DDR gegründet worden ist zur “Aufdeckung und Beseitigung feindlicher Zersetzungstätigkeiten”?
Diese Frage steht schon länger im (NAK-)Raum, gestellt worden ist sie am 20. August 2004 auch von einem Gesprächskreis, den Mitglieder der Neuapostolischen Kirche gebildet haben. Deswegen bekam einer der Verdächtigen einen offenen Brief, das Antwortschreiben formulierte ein anderer Vertreter der NAK Mecklenburg. Er schrieb u. a.: “Um unseres lieben Friedens willen wollten wir auch nie wissen, wer was über uns und unsere Mitbrüder hinterlegte…”
Auch Zeugen Jehovas angeschwärzt?
Das Hinterlegte klingt unglaublich, so soll sich ein NAK-Funktionär dermaßen über das Fernbleiben eines weiblichen Mitglieds der Neuapostolischen Kirche geärgert haben, dass er diese Frau bei der Stasi in ein schiefes Licht gerückt hat, auch Zeugen Jehovas, die in der DDR einer verbotenen Organisation angehört haben, sollen angeschwärzt worden sein.
Die Mauer des Schweigens ist immer noch hoch, erfuhr auch ich am 28. November 2006. Gefragt hatte ich den NAK-Medienreferenten Peter Johanning, warum der damalige Kirchenpräsident Richard Fehr noch kurz vor dem Zusammenbruch der DDR in Leipzig gesagt hatte, man bleibe besser im Lande. Auch mit dem Stasi-Vorwurf konfrontierte ich diesen Medienreferenten.
Feststellungen mit Fragezeichen
Zur Antwort bekam ich: “Ich glaube nicht, dass ich Ihre Fragen beantworten werde. Ich habe sie gelesen und komme für mich zu folgender Feststellung: es handelt sich dabei nicht um Wissensfragen, sondern um Feststellungen mit Fragezeichen. Sie selbst haben sich diese Fragen schon beantwortet. Peter Johanning”
Daraus kann jeder seine eigenen Schlüsse ziehen, doch der besagte Gesprächskreis will es immer noch ganz genau wissen. Da sich die NAK Mecklenburg am 19. Juni 2008 darüber beklagt hat, dass “sich die beantragte Einsicht in die Stasi-Akten als langatmig gestaltet”, bekam die Kirchenverwaltung soeben eine Einwilligungserklärung, die von einem der Verdächtigen nur noch unterschrieben werden müsse. Dann könne nach §§32, 34 Stasi-Unterlagen-Gesetz (StUG) nicht nur Einsicht genommen werden, dann dürften auch Kopien von diesen Unterlagen an Dritte weitergegeben werden.
6. Juli 2008
SED ist besorgt
In den 1950er-Jahren hat es in der SED besorgte Stimmen gegeben, man machte sich Sorgen, ob die Neuapostolische Kirche (NAK) beim Aufbau des Sozialismus mit dem für notwendig erachteten Einsatz mitwirken würde, denn mit Johann Gottfried Bischoff stand ein über 80-Jähriger an der Spitze der Glaubensgemeinschaft, der ab Weihnachten 1951 öffentlich verkündete, er werde nicht sterben, weil Jesus zu seinen Lebzeiten wieder komme.
Damit stürzte er die Neuapostolische Kirche in die größte Krise in ihrer Geschichte. Verarbeitet hat diese Glaubensgemeinschaft dieses Kapitel bis heute nicht, der erste öffentliche Versuch am 4. Dezember 2007 ging daneben und führte dazu, dass sich NAK-Abspaltungen von dem Versuch der gemeinsamen Analyse erst einmal verabschiedeten.
Erbarmungslose Lehre
Was sich in der Neuapostolischen Kirche vor nunmehr über 50 Jahren tat, wurde seinerzeit von der evangelischen Kirche teils mit Erstaunen und teils mit wütendem Protest beobachtet. 1959 hieß es im Materialdienst der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, die NAK verbreite eine „erbarmungslose Lehre“, zitiert wurde aus einer neuapostolischen Zeitschrift dieser Satz: „Wer anderen mehr glauben will als ihm (gemeint ist Johann Gottfried Bischoff), dem kann er nicht helfen!“
„Nicht helfen“ konnte er demnach auch dem ehemaligen neuapostolischen Kirchenpräsidenten Peter Kuhlen, der am 21. Mai 1948 von den NAK-Funktionären einstimmig zum Bischoff-Nachfolger gewählt worden war, am 25. November 1950 von diesem Amt zurück trat und am 23. Januar 1955 ausgeschlossen wurde, weil er niemanden zwingen wollte, Johann Gottfried Bischoffs Überzeugung zu teilen. Dazu hieß es in dem Geschichtsvortrag vom 4. Dezember 2007: “Kuhlen ist zur Apostelversammlung nach Frankfurt (23. Januar 1955) gefahren mit der Absicht, die Trennung abzuschließen. Da er nicht bereit war, dem Stammapostel zu folgen, trägt er auch die Verantwortung für seine Amtsenthebung und den Ausschluss aus der Neuapostolischen Kirche.”
Gehorchen oder fliegen?
Wer nicht gehorcht, der fliegt, ist demnach immer noch das Motto in der Neuapostolischen Kirche, außerdem spricht nichts dafür, dass Peter Kuhlen nach Frankfurt gefahren ist, um „die Trennung abzuschließen“. Dieser ehemalige neuapostolische Kirchenpräsident aus Düsseldorf hat mit Johann Gottfried Bischoff Predigten in Kirchen gehalten, die mit Hakenkreuzfahnen geschmückt waren, dieser ehemalige neuapostolische Kirchenpräsident hat laut „Unsere Familie - Die Zeitschrift der Neuapostolischen Kirche“ vom 5. September 1952 gesagt: „Wir wissen durch alles, was Jesus uns gesagt hat, was wir mit unseren Augen sehen können und was der Heilige Geist durch den Stammapostel uns entgegenbringt, wie nahe wir der Vollendung des Werkes Gottes sind.“
Jahr für Jahr wurde jedoch der Fanatismus größer, das gefiel Peter Kuhlen nicht, deswegen versuchte er, mäßigend zu wirken - doch damit biss er auf Granit. Die Fronten zwischen den Bischoff-Anhängern und den Skeptikern verhärteten sich immer mehr, zumal Johann Gottfried Bischoff sich immer weiter vor wagte und laut „Unsere Familie“ vom 5. Juli 1953 sagte: „Der weitaus größte Teil unter uns wird den Tag des Herrn erleben“ (also ebenfalls nicht mehr sterben).
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12. Juli 2008
Ungehindert entfaltet
“Ein kleiner Teil Neuapostolischer war Mitglied der SED. Im Gegensatz zu den Zeugen Jehovas, die wegen ihrer unbeugsamen Glaubenshaltung verfolgt, ins Gefängnis kamen oder sogar ermordet wurden, gelang der NAK durch Anpassung und Servilität eine relativ ungehinderte Entfaltung.
Wenn die Zeugen Jehovas ihre Schriften verteilten, wurden diese Schriften von Neuapostolen den staatlichen Behörden der DDR sofort persönlich übergeben, um sich damit anzubiedern.
In Gesprächen wurde mir mitgeteilt, dass republikflüchtige DDR-Bürger aus der NAK ausgeschlossen wurden, um nicht in Konflikt zu kommen mit den DDR-Staatsorganen. Sogar die Familie, wenn sie streng neuapostolisch war, distanzierte sich von den eigenen Kindern”, schreibt ein gewisser Olli am 24. Juni 2002 auf Internet-Seiten für Opfer der Staatssicherheit (Stasi).
Dieser Olli ist nach eigenen Angaben Mitglied der Neuapostolischen Kirche (NAK) und forderte in seiner Wortmeldung eine Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit seiner Glaubensgemeinschaft, Wiedergutmachung und ein Schuldbekenntnis, das es allerdings bis heute nicht einmal zum NAK-Verhalten in der Hitler-Diktatur gibt.
Zwei Jahre älter als der Beitrag von Olli ist eine Studie des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung aus Dresden, in der auf die „schon fast sprichwörtliche hundertprozentige Wahlbeteiligung Neuapostolischer Gemeinden“ hingewiesen wird, außerdem hat eine Enquetekommission des Deutschen Bundestages im Jahre 1995 festgehalten: „In verschiedenen Polizeiberichten (Sachsen-Anhalt) wird mitgeteilt, dass erkannte ehemalige Zeugen Jehovas aus den gottesdienstlichen Räumen verwiesen wurden und Mitteilungen an die Polizei erfolgten sowie, dass der zuständige Apostel Oberländer entsprechende Anweisungen erlassen hätte.“
Sitz in die Schweiz verlegt
Die ersten NAK-Präsidenten sind Deutsche gewesen, das änderte sich im Jahre 1975, als zum ersten Mal ein Schweizer in dieses Amt gewählt und der Weltsitz dieser Glaubensgemeinschaft nach Zürich verlegt wurde. Dort gründete die NAK im Jahre 1977 „eine Vereinigung schweizerischen Rechts im Sinne des Schweizerischen Zivilgesetzbuches“, verbunden mit einem „freiwilligen Eintrag im Handelsregister des Kanton Zürich und der Schweiz“. Fortan hieß es in der Satzung dieser Vereinigung über den Sitz, dass er „möglichst in einem politisch neutralen Staat sein“ solle.
Ehemalige und hinausgeworfene hohe NAK-Funktionäre behaupteten, diese Verlegung des Sitzes von der Bundesrepublik Deutschland in die Schweiz sei auf Druck der SED erfolgt. Bestritten hat das die NAK-Spitze bislang nicht.
Auch in der DDR geschah, was sich in der Neuapostolischen Kirche stets ereignete, wenn die Weltzentrale an direktem Einfluss verlor und sich eine Eigendynamik entwickelte, die zu einem Auseinanderdriften der Überzeugungen führte. Jeder Westdeutsche, der seinerzeit in die DDR reiste, betrat eine andere Welt, so war es ebenfalls, wenn NAK-Funktionäre aus der DDR in den Westen kamen. Sie betraten auch in ihrer eigenen Glaubensgemeinschaft eine Welt, die in ihren Augen zu prunkvoll und zu sehr an materiellen Dingen ausgerichtet war.
Daten-Sammelwut
Vergessen dürfte man bei einer Aufarbeitung der Geschichte auch nicht, dass die Behörden in der DDR geradezu an Daten-Sammelwut litten und alles notierten, was ihnen zu Ohren kam. Der Wahrheitsgehalt solcher Informationen wurde nicht geprüft, die Überwachungsorgane neigten zu Kurzschlüssen und voreiligen Entscheidungen, denn auch sie wussten, dass die Bevölkerung keinesfalls so geschlossen hinter der SED stand, wie das in der Propaganda immer behauptet wurde.
Mit der Zeit richteten sich viele Menschen in der DDR in Nischen ein, dort hörten sie die sozialistischen Parolen nicht mehr, sie wussten aus eigener Erfahrung, dass dieses System nicht funktionierte, zähneknirschend beteiligten sie sich an den Wahlen, bei denen sie keine Wahl hatten, verdächtig hätte sich schon jemand gemacht, wenn er auf geheime Stimmabgabe gepocht hätte. Das Ergebnis stand fest und niemand errötete, wenn sich die Herrschenden auf nahezu 100 Prozent der Stimmen beriefen. Bei einem Treffen in Leipzig im Jahre 1990 gab mir ein DDR-Schriftsteller zu bedenken: „Viele Generationen haben bei uns doch nie in einer Demokratie gelebt. Sie sind von einer Diktatur in die andere geraten und mussten sich dort einrichten.“
Kaum jemand stellt Fragen
In religiöser Freiheit haben auch NAK-Mitglieder nie gelebt. Kaum jemand stellt Fragen, wenn ein hoher Kirchenfunktionär plötzlich von der Bildfläche verschwindet, in kurzen Notizen von „Unsere Familie - Die Zeitschrift der Neuapostolischen Kirche“ ist meistens von persönlichen oder gesundheitlichen Gründen die Rede, einige Putzmuntere sind dort schon zu Kranken erklärt worden, besonders verblüfft gewesen ist ein ehemaliger afrikanischer Kirchenfunktionär, als ihn aus Deutschland die neuapostolische Kunde ereilte, er sei nicht nur ausgeschlossen worden, seine Frau habe ihn auch aus dem gemeinsamen Haus geworfen.
„Das ist übrigens meine Frau“, sagte er später bei einem Deutschlandbesuch, „und wir wohnen immer noch in einem Zelt. Von einem Haus können wir nur träumen.“
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1 Kommentare:
Eine sehr interessante Serie, die hinter den Kulissen für große Aufregung sorgt...
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