Montag, 31. Dezember 2018

Aufgelesen 2018 (V)

Alles, was rechts ist

Der Besuch des Stammapostels erweckte die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit in Polen. Die Neuapostolische Kirche besitzt dort den öffentlichen Status einer Kirche und genießt Wertschätzung in der Gesellschaft. So bekundeten die zentralen Gremien der Staatsregierung und Kirchenvertreter, unter anderem das Episkopat, ihre Gratulation und besten Wünsche zum Besuch des Stammapostels.

Neuapostolische Kirche Nordost, 29. Oktober 2018

Und viele wittern das große Geschäft mit der Esoterik?


Die Zahlen zeigen eine Aufwärtsbewegung, der Beruf des Energetikers erscheint attraktiv. Mit dem Gewerbeschein haben sie eine Möglichkeit ohne Ausbildung im Bereich Medizin und Soziales tätig zu werden. Drastisch formuliert: Wir haben einen völlig unüberprüfbaren Berufsstand, in dem sich auch Okkultismus-Betrüger verstecken können. Energetiker dürfen eigentlich keine Diagnosen erstellen und keine Krankheiten behandeln, häufig tun sie es trotzdem.

Aus einem Gespräch mit der Psychologin Ulrike Schiesser, Bundesstelle für Sektenfragen, Kleine Zeitung Österreich, 1. Dezember 2018

Unter Sekten-Verdacht

Die Wera-Gemeinde soll eine Sekte sein. Zeugenaussagen, stundenlange Tonmitschnitte und Dokumente berichten von Druck, Überwachung und Kontrolle.

Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 6. Dezember 2018


Aussteiger aus Wera-Gemeinde berichten
Ist die Wera-Gemeinde eine Sekte? Diese Frage treibt zurzeit die evangelische Allianz Duisburg um, und nicht nur sie. Die Auferstehungsgemeinde hat sich klar positioniert: Sie kritisiert sektenartige Strukturen. Die Wera-Gemeinde selber widerspricht. Eine Antwort auf die Eingangsfrage zu finden, wird dauern. Viele Antworten geben können die, die ausgestiegen sind aus Wera. Unsere Redaktion hat mit knapp 20 von ihnen gesprochen. Das haben sie zu sagen:
„In der ersten Zeit wird man mit Liebe bombardiert. Das ist ein tolles, freundschaftliches Gefühl, es macht Spaß. Aber nachher wird man gefragt: Warum bist Du nicht zum Bau gekommen? Warum hast Du ein Auto gekauft? Warum hast Du ein Haus gekauft? Warum hast Du ein Moped gekauft? Statt zu spenden. Für alles muss man sich rechtfertigen bei Herrn Epp – ich möchte nicht von Pastor sprechen.“
Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 13. Dezember 2018

Die Jugend gestohlen
Im Jahr 2006 wurden die Zeugen Jehovas gerichtlich als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt. Sophie Jones sieht das kritisch, lenkt ihrer Meinung nach diese öffentliche Legitimierung der Religionsgemeinschaft von den sektenähnlichen Zuständen hinter den Fassaden ab. Ihr selbst wurde nicht nur die Familie genommen, sondern auch ihre Freiheit sowie eine normale Jugend und Schulzeit.

Tag 24, 25. Dezember 2018

Kinder entführt

Vier Mitglieder einer jüdischen Sekte aus Guatemala sind in den USA wegen des Verdachts der Kindesentführung festgenommen worden. Wie die Staatsanwaltschaft von Manhattan am Freitag (Ortszeit) mitteilte, stehen die vier Männer im Verdacht, die Entführung einer 14-Jährigen und ihres zwei Jahre jüngeren Bruders organisiert zu haben, nachdem die Mutter der Kinder der Sekte den Rücken gekehrt hatte.

Welt, 29. Dezember 2018

Donnerstag, 29. November 2018

Aufgelesen 2018 (IV)

Sektenarzt muss nicht ins Gefängnis
Der frühere Arzt der berüchtigten Sekte "Colonia Dignidad" in Chile, Hartmut Hopp, muss nicht ins Gefängnis. Das in dem Urteil der chilenischen Justiz dargestellte Verhalten Hopps sei nach deutschem Recht nicht strafbar, teilte das Düsseldorfer Oberlandesgericht mit. Die Entscheidung sei abschließend, hieß es. Weitere Rechtsmittel könnten nicht eingelegt werden.
Hopp war 2011 in Chile wegen Beihilfe zu sexuellem Kindesmissbrauch in 16 Fällen zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Bevor seine Strafe rechtskräftig wurde, floh er nach Deutschland. Weil er nicht nach Chile ausgeliefert werden darf, hatte die dortige Justiz beantragt, dass er die Strafe in Deutschland verbüßt. Er soll die rechte Hand des deutschen "Colonia Dignidad"-Gründers Paul Schäfer gewesen sein.
ntv, 25. September 2018

Millionenstrafe für Zeugen Jehovas

Der Vorfall ereignete sich in Thompson Falls in Montana. In den frühen 90er- und 2000er-Jahren wurden zwei Frauen von einem Familienmitglied über Jahre hinweg sexuell missbraucht. Da die Familie Mitglied der Zeugen Jehovas war, meldeten die beiden Frauen die Vorfälle einem Gemeindemitglied. Dieser hielt Absprache mit dem nationalen Hauptquartier der Zeugen Jehovas – Watchtower genannt. Gemeinsam beschlossen sie, dass die Vorfälle nicht den Behörden mitgeteilt und intern geklärt würden.

Watson, 28. September 2018

90-Jähriger ein begeisterter Leser

Lohnt sich der Einsatz? Ulrich berichtet von einem 90-jährigen Mann, der regelmäßig die Zeitschriften Der Wachtturm und Erwachet! liest. „Einmal reichte die Zeit nicht mehr, um den Mann zu besuchen. Wir waren schon auf dem Rückweg und sahen dann, dass er uns auf seinem Fahrrad hinterherfuhr. Als er dicht genug war, rief er: ‚Habt ihr denn keinen Wachtturm für mich?‘ Natürlich hatten wir.“

Stadtlandzeitung, 1. Oktober 2018 (Es handelt sich um einen Werbetext der Zeugen Jehovas)

Therapeutin mit übernatürlichen Fähigkeiten

Der Fall von Sarah Tüder (Name geändert) zeigt, wie manipulativ solche Gruppen vorgehen. Wegen Rückenproblemen suchte die Akademikerin Hilfe bei einer Bewegungstherapeutin. Die Übungen sprachen gut an, die Schmerzen verschwanden. Die Trainerin aber nutzte die Zeit, um ihrer Patientin einzureden, dass deren Probleme in Wahrheit viel tiefer liegen: in ihrer Seele. Am besten helfe ein individuelles Coaching. Kostenpunkt: rund 1000 Euro für eine Wochenendsitzung. Sarah Tüder willigte in regelmäßige Treffen ein. „Ich war soweit, dass ich dieser Person übernatürliche Fähigkeiten zugetraut habe“, sagt sie.

Neckar-Chronik, 10. Oktober 2018

Ich lebe ewig

Mir kann mein Alter übrigens schnurz sein. 1955 hat mir Gott die Nachricht überbringen lassen, dass ich nicht sterben werde. Versicherte mir damals ein gewisser Johann Gottfried Bischoff als Chef der Neuapostolischen Kirche. Wer das nicht glaubte, wurde von Bischoff zur Hölle gewünscht, und ich ging ein Jahr später zur Schule, um mich auf ein sehr, sehr langes Leben vorzubereiten.

Zerstreutes Wohnen, 16. Oktober 2018

22 Jahre bei einem Guru
Manchmal fühlte ich mich, als wäre ich der wichtigste Mensch im ganzen Universum – eine wahre Weltenretterin!
Manchmal fühlte ich mich jedoch auch wie ein wertloser Wurm, wie nutzloses und verachtenswertes Ungeziefer.

HuffPost, 22. Oktober 2018

Mit Reichsflugscheiben zum Mond
In esoterischen Kreisen macht sich nach Einschätzung des Bistums Augsburg braunes Gedankengut breit. Laut der Sektenbeauftragten hängt dies mit der Konjunktur "grüner" Themen zusammen. Über "Reichsflugscheiben" und Energieflüsse.
KNA: Was bitte sind "Reichsflugscheiben"?

Klaudia Hartmann (Leiterin des diözesanen Fachbereichs für Religions- und Weltanschauungsfragen): Eine Art Ufo, mit dem sich führende Nazis nach dem Krieg angeblich zum Nordpol oder sogar auf den Mond gerettet haben.
Domradio, 6. November 2018
Gülen-Bewegung auf dem Prüfstand
Max Webers “Soziologische Grundbegriffe“ endet mit einem Vergleich von Kirche und Sekten. Demnach wird man in die Kirche „hineingeboren“, wohin eine Sekte „nur die religiös Qualifizierten persönlich in sich aufnimmt“.
Er verweist dabei auf Kriterien der Religionssoziologie, in der der Begriff Sekte, den es schon seit der Antike gibt, inhaltlich entwickelt wurde. Unabhängig davon, dass es einige unterschiedliche Definitionen vom Sektenbegriff gibt, gibt es auch minimale Kriterien von Sekten, die die unterschiedlichen Definitionen gemeinsam haben.

HuffPost, 7. November 2018

Die Organische Christusgeneration, der einzige Apostel und die Rechten

Wenn ich die OCG als besonders problematisch einschätze, hat das mit der wirkungsvollen Verquickung religiöser und politischer Botschaften zu tun: Während Sasek bei der religiösen Mission an Ort und Stelle tritt, feiert er als rechtspolitischer Hardliner erstaunliche Erfolge.

Watson, 17. November 2018

A&E-Doku: "Total Control"

Eine weitere Aussage der Doku sieht Sedlaczek in folgendem Aspekt: "Im Vorfeld der Doku haben mir mehrere Leute gesagt: 'Sowas kann mir nicht passieren.' Und während der Herstellung der Dokumentation habe ich unentwegt vorgeführt bekommen: Das stimmt eben nicht. Man kann ganz schnell abdriften und auf einmal Überzeugungen vertreten, die man wenige Jahre zuvor nicht hatte. Wilfried Handl hat mir im Interview auf die Frage, wer in einer Sekte landen kann, gesagt: 'Alle, die nicht schon in einer sind.' Daher haben wir diese Doku gemacht, um Bewusstsein dafür schaffen."

Quotenmeter, 19. November 2018

Zeugen Jehovas: Eine Aussteigerin erzählt
Hätte ich einen lebensbedrohlichen Unfall gehabt, hätte ich auf eine Bluttransfusion verzichtet, ganz freiwillig. Immerhin glaubte ich, es sei das Größte, für Gott zu sterben - ich wäre ein Vorbild gewesen und definitiv im Paradies wiederauferstanden. Also wovor fürchten?
Nie Weihnachten feiern, keine Geburtstagsgeschenke bekommen und an Ostern keine Eier suchen - daran gewöhnt man sich mit der Zeit. Aber je älter ich wurde, umso unsicherer fühlte ich mich. Meine Klassenkameraden waren anders gekleidet, hörten andere Musik und redeten anders. Na klar, schließlich hatten sie im Gegensatz zu mir nicht den wahren Glauben.
Brigitte, 21. November 2018

Nicht mehr als Erste im Paradies

Jahrzehntelang schottete sich die Neuapostolische Kirche (NAK) ab. Sie wollte mit Nicht-Mitgliedern nichts zu tun haben, auch nicht mit anderen christlichen Kirchen. Die Mitglieder glaubten, sie würden vor allen anderen als erste in den Himmel kommen und Seite an Seite mit Gott im Paradies herrschen. „Das ist für uns heute alles Geschichte“, sagt Detlef Milkereit, der Vorsteher der NAK-Gemeinde in Neuss. Experten zum Thema Sekten sind beeindruckt von den schnellen Veränderungen.

„Ich bin heute stolz auf meine Kirche“, sagt Milkereit. Seit seiner Kindheit gehört der 61-Jährige zur NAK-Gemeinde. „Wir haben selbstkritisch erkannt, dass es Dinge gab, die nicht bibeltreu waren“, so Milkereit. Dinge, wie etwa der damalige Exklusivanspruch der NAK, die heute die viertgrößte Kirche in Deutschland ist. Wie die Zeugen Jehovas gingen die Neuapostolen davon aus, dass sie zu den ersten 144.000 Menschen gehören, die im himmlischen Leben auferstehen. Als die Ansichten der Kirche in die Öffentlichkeit gerieten, stand die NAK unter Druck.

NGZ, 29. November 2018

Anmerkung: Experten werden sich nun wohl fragen, wie ein Redakteur so viel Unsinn auf einmal in derart wenigen Zeilen unterbringen kann. Aber das ist nicht mein Problem. 

Aufgelesen 2018 (V)